200 Jahre Biergartenkultur (4. Januar 1812 - 4. Januar 2012)



Das westliche Hochufer des alten Urstromtales der Isar bildet bis heute die östliche Grenze des 8. Stadtbezirks zur Theresienwiese hin. Die Hangkante war hervorragend geeignet, dort Keller zur Bierlagerung hineinzutreiben (1804 der Augustinerkeller und der spätere Spatenkeller, 1808 der spätere Hackerkeller, 1812 der spätere Bavariakeller). Schatten spendende Bäume, frisches Bier und mitgebrachte Brotzeit lassen im Lauf der Zeit die Kultur der beliebten Münchner Biergärten entstehen:



Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde vorwiegend untergäriges Bier getrunken (heute meist obergärig), das nur in den kalten Monaten des Jahres hergestellt werden konnte, da die Gärung bei Temperaturen zwischen vier und acht Grad erfolgt. Zu diesen Temperaturen musste auch die Lagerung erfolgen, denn das damals nicht pasteurisierte Bier wurde bei wärmeren Temperaturen schnell ungenießbar.

Die Bayerische Brauordnung von 1539 orientierte sich an den katholischen Festtagen und schrieb daher vor, dass nur zwischen dem Festtag des heiligen Michael (29. September) und dem Ehrentag des heiligen Georg (23. April) gebraut werden durfte. Die übrige Zeit wurden die Sudpfannen - wegen der höheren Brandgefahr im Sommer befürchtete man zudem in der Stadt verheerende Feuersbrünste - versiegelt und durften nicht benutzt werden.

 

Damit auch im Sommer dieses Bier ausgeschenkt werden konnte, brauten größere Münchner Bierbrauer ein länger haltbares Bier ("Märzen") und legten die vorgenannten Bierkeller an, in denen man mittels im Winter eingebrachten Eises das gebraute Bier ganzjährig kühl halten konnte. Um die Durchschnittstemperatur des Lagers weiter zu senken, streute man auf dem Boden des Hangs Kies und pflanzte Kastanien, die mit ihrem dichten Blätterwerk im Sommer guten Schatten boten und nicht von Blattläusen (vgl. z.B. dagegen die Linde) heimgesucht werden, die ein unangenehmes klebriges Sekret ausscheiden, das dann aus der Baumkrone "herabregnet".

Es dauerte nicht lange bis die Bierkeller neben der reinen Lagerung auch für den Ausschank genutzt wurden, indem man einfache Bänke und Tische unter die Bäume stellte. Diese Plätze wurden alsbald ein beliebtes Ausflugsziel der Münchner, was die kleineren, gänzlich in München verbliebenen Bierbrauer sehr ärgerte. Um der zunehmenden Abwanderung von Gästen entgegen zu wirken, beschwerten sich diese bei König Maximilian I. Joseph von Bayern; daraufhin verfügte dieser per königlichem Erlass (Reskript) am 4. Januar 1812, dass die um München herumliegenden Bierkeller zwar weiterhin den Ausschank betreiben, dort jedoch keine Mahlzeiten servieren durften. Folglich musste jeder, der dort essen wollte, die dafür notwendige Speisen fortan selbst mitbringen.

König Maximilian I. Joseph  (* 27. Mai 1756 in Schwetzingen bei Mannheim; † 13. Oktober 1825 in München) stammte aus einer Pfälzer Seitenlinie der Familie der Wittelsbacher und war bei Regierungsantritt im Jahre 1799 als Maximilian IV. zunächst Herzog von Bayern. Bayern wurde 1806 unter dem Minister Maximilian Graf von Montgelas auch zum führenden Mitglied im Rheinbund und Bündnispartner von Napoléon. Für seine Bündnistreue wurde im Frieden von Pressburg Bayern zum Königreich durch den französischen Kaiser aufgewertet und Max Joseph am 1. Januar 1806 in München als Maximilian I. Joseph zum ersten König Bayerns erhoben.  Von seinen Untertanen wurde er nach der populären Kurzform seines Namens „König Max“ genannt.

Die königliche Verfügung ist inzwischen zwar nicht mehr gültig, so dass es möglich ist, an entsprechenden Ständen etwas zum Essen zu kaufen oder sich etwas servieren zu lassen, jedoch dient vor allem die Erlaubnis, seine eigene Brotzeit mitzubringen, der Abgrenzung eines traditionellen Biergartens von anderen Freischankflächen; sie findet daher ihre Fortsetzung auch in der heutigen Gesetzgebung des Freistaates Bayern:

 

Kennzeichnend für den bayerischen Biergarten im Sinne der Verordnung sind vor allem zwei Merkmale: der Gartencharakter und die traditionelle Betriebsform, speziell die Möglichkeit, dort auch die mitgebrachte, eigene Brotzeit unentgeltlich verzehren zu können, was ihn von sonstigen Außengaststätten unterscheidet.“

 

(Auszug aus der Begründung der Bayer. Biergartenverordnung vom 20.4.1999)

 

Im weiteren Sinn wird im Rest der Republik der Begriff „Biergarten“ auch generell für gastronomische Einrichtungen im Freien verwendet.

Im Freistaat Bayern ist dafür jedoch vor dem Hintergrund der o.g. Verordnung zur ausreichenden Differenzierung der Begriff „Wirtsgarten“, in Österreich der Begriff „Gastgarten“ gebräuchlich.

 

1995 hatten Anwohner der "Waldwirtschaft" in Großhesselohe wegen Lärmbelästigung geklagt und Recht bekommen: Um 21 Uhr ist Zapfenstreich und um 21.30 Uhr Kehraus (Urteil des Bayerischen Verwaltungsgerichts).



 

Die Münchner gingen auf die Barrikaden. Rasch wurde ein "Verein zur Erhaltung der Biergartentradition e.V." gegründet, 25.000 Menschen demonstrierten auf dem Marienplatz.

 

Der Volksaufstand war erfolgreich:

Eilig hob die CSU-Landesregierung unter dem damaligen Ministerpräsidenten Dr. Edmund Stoiber den Richterspruch mittels Erlass einer passenden Verordnung, die den Fortbestand der Biergartenkultur sichert, wieder auf.

Traditionelle Biergärten im Sinne der Biergartenverordnung werden seither im Freistaat Bayern vom Gaststättenrecht bezüglich des Lärmschutzes privilegiert. Begründet wird dies mit einer besonderen Bedeutung der Biergärten, weil diese „wichtige soziale und kommunikative Funktionen“ erfüllen.



Die einst viel gerühmte Herrlichkeit der heiß geliebten und viel besuchten Bierkeller der Schwanthalerhöhe ist allerdings dahin. Keiner von ihnen ist erhalten geblieben; auch nicht der Hacker- und der Pschorrkeller. Während in den Hackerkeller nach Umbau zunächst das Karstadt-Sporthaus einzog und nach dessen Geschäftsaufgabe der Spielzeug-Supermarkt "ToysR'Us" folgte, wurde die Gaststätte Pschorrkeller schließlich vor etwa 7-8 Jahren ersetzt durch den "Bavaria-Bräu", heute das "Hacker-Pschorr-Bräuhaus", welches an dieser historischen Stelle ein etwas merkwürdiges gastronomisches Konzept verfolgt: einen Mix aus folkloristischem Brauhaus mit Micro-Brauerei, Pizzeria und Sports-Bar. Da kann man es nur mit Else Kling halten: "Wenn's schee macht !?"

 

Mit dem Bräuhaus wurde damals auch der gegenüber vorgelagerte Biergarten an der Cirkuswiese renoviert. Umso mehr hofften die Alteingesessenen, mit dem Biergarten an der Cirkuswiese (östlich ggü. des Bräuhauses / Möbel XXXLutz) werde wieder etwas von der vergangenen Atmosphäre ins Viertel zurückkehren.



Diese Hoffung wurde jedoch bitter enttäuscht, da der Biergarten mit herrlicher Aussicht auf die Kirche St. Paul offensichtlich nicht betrieben wird und immer mehr verkommt. Möglicherweise sollen Münchner und Touristen in den Wirtsgarten des Brauhauses "gezwungen" werden? Insgesamt ist der Biergarten daher inzwischen an dieser bedeutenden Geburtsstätte aller Biergärten wohl kein Aushängeschild für die viertälteste noch existierende Brauerei Münchens, die Hacker-Pschorr-Brauerei (gegr. 1417). Für alle sichtbar hat man mit dem Abriss der ursprünglich unweit von diesem Biergarten beheimateten Hacker-Pschorr-Brauerei im Jahr 1993 und der Produktionsverlagerung auf das Gelände der Paulaner-Brauerei auch die ursprüngliche Verbundenheit zum 8. Stadtbezirk aufgegeben:



 

Glücklicherweise sprang die älteste Brauerei Münchens, die in unserem Stadtbezirk heimische "Augustiner Brauerei" (gegr. 1328) in die Presche: 

Sie eröffnete um Zuge der Nachnutzung des alten Messegeländes direkt am Bavariapark ein traditionelles Wirtshaus mit Biergarten. Die unter den Einheimischen hochgeschätzte Traditionspflege und Viertelverbundenheit 

"unserer" Augustiner Brauerei sowie die historische Parkanlage des Bavariaparks sorgten dafür, dass ein Juwel an Biergarten entstand. 

So bleibt an der Geburtsstätte der Biergärten auch der Fortbestand einer liebens- und lebenswerten Tradition gesichert: 



Biergarten "Augustiner am Bavariapark"

http://www.wirtshaus-am-bavariapark.com/

 

Damit ist auch das Geheimnis gelüftet, warum die Augustiner-Brauerei seit jeher gänzlich ohne Werbung in Funk-, Fernseh- und Printmedien auskommt:

Es genügt nicht, ein ordentliches Bier zu brauen. Authentizität, Traditionspflege und die - wie hier - gelebte Verbundenheit zu den Münchnern werden um ein Vielfaches mehr gedankt. Kein Wunder also, dass auch der Maibaum des 8. Stadtbezirks nicht nur einer der schönsten der Stadt ist, sondern ebenfalls von der Augustiner-Brauerei gesponsert wurde (siehe Rubrik "Brauchtum").



Fotonachweis: br-online, netzeitung.de, stoiber-fan-club